Grillieren

Grillieren – Inszenierte Männlichkeit

Zu einem richtigen Sommer gehört das „Brätle“ einfach dazu und kaum jemand verzichtet auf die gemütlichen und unkomplizierten Abende mit Freunden um den Grill. Das Kochen steht dabei nicht im Vordergrund, sondern das Zusammensein. Es gibt reichlich Bier, ein gutes Stück Fleisch oder eine Wurst und dazu Chips, Brot und Salat. Man plaudert, hört Musik aus der Konserve und geniesst das schöne Wetter.

Doch so ungezwungen das Grillieren auf den ersten Blick auch scheinen mag, es ist ein strukturiertes Ereignis, bei welchem die Rollenverteilung klar definiert ist. Der Grill ist die unbestrittene Domäne des Mannes. Während mit Bier angestossen wird, wagt sich der Hausherr mit seinen Freunden an den Grill. Unter grossem Fachsimpeln wird die beste Anfeuer-Methode ausdiskutiert und über die korrekte Garzeit gestritten. Die gefüllten Pilze und der Grillkäse der Frauen werden unter etwas Murmeln grosszügig mitgegrillt.

Von den Gästen unbemerkt hat die Hausfrau im Vorfeld die Salate und ihr Lieblingsdessert vorbereitet. Sie hat den Tisch gedeckt und die Leute eingeladen. Eingekauft. Das Bier gekühlt. Und für das Nachbarskind noch den Ketchup an der Tankstelle geholt. Nun beobachtet sie stolz ihren Mann beim Grillieren. Wie er mit nackten Händen das marinierte Fleisch auf das Feuer legt und wie er von seinen fachsimpelnden Freunden umgarnt wird. Seine pure Männlichkeit am rauchenden Grill.

In einer Zeit, in der die Nahrungsaufnahme immer mehr vom Kochen getrennt wird, bedeutet der Grill eine Rückkehr zum Ursprünglichen, zum „Urchigen“. Die ungebändigte Natur, die Gefahr des Feuers, das Tier im Menschen, die Triebhaftigkeit, die Stärke – dies sind Typologien der Männlichkeit. A la Neandertaler werden kulturell geschaffene Definitionen von Männlichkeit mit unserem Ursprung verbunden und so legitimiert. Der Mann wird am Grill zum Alphatier und sichert die Nahrungsaufnahme des Rudels. Verschwommene Rollenbilder von Frau und Mann werden wieder zurecht gerückt und gesichert.

Mein Vorschlag für das nächste Grillfest lautet deshalb: Die Frauen übernehmen den Grill und überlassen den Rest der zu erledigenden Aufgaben den Männern. Es wird bestimmt nicht einfach und man wird merken, dass die aufgebrochenen Handlungserwartungen etwas Chaos herbei zaubern werden. Umso besser. Dadurch wird uns erst bewusst, wie viel wir als selbstverständlich voraussetzen.

Zum Weiterlesen: „BBQ. Grillieren – eine Wissenschaft für sich“ von Sacha Szabo

http://www.sacha-szabo.de

Gefunden in: „Die Herren des Feuers“ von Tobias Ochsenbein in der NZZ vom 29. Juni

http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/die-herren-des-feuers-1.18570507

 

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